Buchvorstellung – Dürfen Schweine glücklich sein?

Schweinefreunde Buchrezensionen

Dürfen Schweine glücklich sein? Ein Buch von einem Bauern? Jetzt hört sich doch alles auf! Sicherlich mag dies der ein oder andere Schweinefreund denken. Es gibt natürlich einen Grund, warum ich dieses Buch vorstelle. Erst mal zum Inhalt:

Norbert Hackl ist ein Schweinezüchter aus Österreich, aus ein Bauernfamilie mit konventioneller Viehhaltung stammt. Als er den Hof seiner Eltern übernahm, kommen ihm Zweifel, ob diese Haltung dem Tier gerecht wird. Damit beginnt eine Odysee. Er beschreibt seine Philosophie der Tierhaltung, die Widerstände, denen er begegnete von den konventionellen Bauern, der Fleischindustrie, der Politik, den Kampf seine Familie und die Mitarbeiter des Hofes zu ernähren. Alles nur, weil er seine Schweine in ganzjähriger Freilandhaltung unter natürlichen Bedingungen halten und auch die Schlachtung nicht in einem großen Schlachtbetrieb, sondern bei sich auf dem Hof durchführen will.

Mit welchen kreativen und innovativen Lösungen er dies gemeistert hat, was er von der Fleischindustrie, seinen Kunden, der Schweinehaltung und den Tierschützern hält, erzählt er auf eine unterhaltsame und informativen Weise. Mit aussagekräftigen Fotos und Gegenüberstellungen ist es ein gelungenes Werk, das zeigt, dass es auch anders geht.

Fazit:

Um eine Sache zu ändern – so meine Vorstellung – ist es wichtig, Argumente und Meinungen aller beteiligten Parteien zu hören und zu verstehen. Aus diesem Grund ist diese Buchvorstellung etwas ausführlicher und mit meiner persönlichen Sichtweise versehen, da ich viele Anregungen, auch für den Schweineschutz oder Tierschutz im Allgemeinen beim Lesen bekommen habe.

Für uns Schweinefreunde sind die „Gegner“; die Landwirte, die Schweinezüchter und -mäster. So empfinde ich es zumindest in den Diskussionen.
Hat jemand schon mal mit einem konventionellen Schweinebauern ein konstruktives Gespräch geführt? Ich wage mal zu behaupten, dass die Wenigsten die Gelegenheit dazu hatten. Warum? Weil die Bauern Tierschützer als Feinde ansehen.

In seinem Buch formuliert Norbert Hackl dies so, als er zu einer Gala vom Verein gegen Tierfabriken (VGT) in Österreich eingeladen worden war; aus seiner Jugendzeit wurde ihm eingetrichtert:

„Nimm dich in Acht vor den natürlichen Feinden des Bauern, den Tierschützern! Denn wenn die Tierschützer kommen, zeigen sie dich gleich an. Und ich stand Ihnen unbewaffnet gegenüber. Meine Knie zitterten.“

Im gleichen Wortlaut sagte mir ein Bio-Schweinebauer, dass er nichts gegen Tierschützer, Vegetarier, Veganer hätte, ja sogar Freunde hätte, die kein Fleisch essen. Nur mag er die militanten Tierschützer nicht.

Lasst dies mal auf Euch wirken. Norbert Hackl wurde 2010 für seine Freilandhaltung der Schweine der erste österreichische Tierschutzpreis des Bundesministerium für Tierschutz und Gesundheit verliehen. Er war so verblüfft:

“ …ich war so überrascht und fragte ins Publikum, wie es denn sein könnte, dass gerade ich, der Tiere tötet, den Österreichischen Tierschutzpreis erhalten könnte?“

Die Antwort aus dem Tierschutzbereich kam postwendend: Weil wir auch in der Landwirtschaft Zeichen setzen und den Tierschutz in landwirtschaftlichen Betrieben mit der Auszeichnung des besten Betriebes hervorheben wollen.“

Das sind Gesten und Ansporn, die andere Landwirte beflügeln sollen, ihre Haltung zu überdenken und zu ändern. Wie ich finde, der erste Schritt in die richtige Richtung und mit einer der gangbarsten Wege, für die Schweine eine bessere Zukunft zu schaffen, bis irgendwann die Menschheit versteht, dass man auch ohne Fleisch glücklich werden kann. Das wäre die nächste Entwicklungsphase auf die wir zusteuern.

Und hierzu gibt es ein bewundernswertes Zitat aus dem Buch:

„Solange Menschen Fleisch essen, sehe ich (Norbert Hackl) es als unsere Aufgabe aufzuzeigen, wie wir Nutztiere halten und schlachten können, damit sie sich während ihres Lebens wohlfühlen und nicht in Angst sterben. Sollten sich die Menschen einmal ausschließlich fleischlos ernähren, sehe ich unsere Mission als erfüllt an.“

Aus traditionellen Systemen auszubrechen, ist nicht einfach. Schließlich gab es für Hackl aus den eigenen Reihen der Bauernschaft heftige Kritik für seine Freilandhaltung und die österreichischen Behörden sowie die Agrarindustrie warfen ihm ebenfalls viele Steine in den Weg:

„Wie werden die Geburten im Winter vor sich gehen und die Ferkel bei Kälte und Schnee überleben können?“ oder „Kaufst du auch so ein Fleisch von diesen dreckigen Schweinen?“ (Anmerkung: die Freilandschweine durften Suhlen) „Der gibt ohnehin bald auf“.

Doch ein Passage des Buches hat mich ganz besonders positiv überrascht:

„… niemand wird abstreiten, dass die gängige landwirtschaftliche Praxis mit Sicherheit nicht den Kriterien einer tierwohlbezogenen Haltung entspricht. Auf der anderen Seite die Aktivisten des Tierschutzes, die bereit sind, aufs Ganze zu gehen und Missstände immer wieder aufzeigen. Man mag krititiseren, dass die Art, wie diese Misstände aufgezeigt wurden, nicht okey ist. Aber anders gefragt: Wer hätte die Misstände als solche wahrgenommen, wenn sie nicht diese Weise aufgedeckt worden wären? Was wäre, wenn dies nicht an die Öffentlichkeit gebracht worden wäre? So ziemlich alle Fortschritte der Landwirtschaft in Richtung „Verbesserung der Tierhaltung“ sind darauf zurückzuführen, dass Tierschutzorganisationen Skandale aufdeckten. Unermüdlich und uneigennützig.“

Und das von einem Schweinezüchter, der von dem Verkauf des Schweinefleisches seine Lebensunterhalt bestreitet. Überhaupt bietet dieses Buch sehr viele Denkanstösse, ob für Landwirte, Tierschützer/-rechtler, Fleischesser, Konsumenten, die Regierungen und die EU, der Bauernverbände und dem Lebensmittelhandel.

Imponiert hat mir die kreative, innovative Sichtweise, der unerschütterliche Wille, die Ideen kompromisslos durchzusetzen und umzusetzen, trotz teilweise heftiger Widerstände. Den Mut zu haben gegen den Strom zu schwimmen, was Neues auszuprobieren, große Risiken einzugehen und die Lebensumstände seiner Schweine immer im Fokus zu haben, ist schon beeindruckend. Man bedenke, er stammt von einem konventionellen Betrieb. Seine Schweine werden in Freilandhaltung das ganze Jahr über gehalten, Natursprung bei der Vermehrung, die Muttersauen ziehen ihre Ferkel in einem selbstgebauten Nest – wie Wildschweine – meist ohne menschliche Hilfe auf. Die Muttersauen, die nicht mehr zur Zucht verwandt werden, dürfen noch einige Zeit auf einer Art Rentnerwiese, ihr Leben genießen (ein neues Projekt, was im Buch noch nicht erwähnt wird).

Selbst die Schlachtung wird nicht in den Großschlachthöfen vollzogen, sondern auf dem Weideschlachthof, eine eigene und einzigartige Verfahrensweise – keine Transportwege, gewohnte Umgebung, ausgewähltes Personal, Betäubung beim Füttern und so angstfrei für die Tiere wie möglich.

Sicherlich für Schweinefreunde ein Thema, was wir gerne ausblenden möchten. Wir möchten nicht, dass Schweine oder andere Tiere für uns sterben müssen, doch bis es soweit ist, wünschte ich mir, dass der letzte Gang der Tiere in der Fleischindustrie wie die Sonnenschweine auf dem Labonca-Hof enden würden und nicht mit einer CO2-Betäubung, die 25 Sekunden Todesangst erzeugt. Davor schützt auch das Bio-Siegel nichts, wie wir aus dem Buch erfahren. Und es gibt Alternativen zum CO2-Gas, was aus finanziellen Gründen nicht eingesetzt wird, auch das erfahren wir aus der Lektüre.

Wer dieses Buch oberflächlich liest, könnte auf die Idee kommen, es sei nur eine clevere Werbeschrift für seinen Labonca-Hof. Sicherlich spielt dieser Beweggrund eine Rolle, er ist ein Geschäftsmann. Trotzdem glaube ich nicht, dass es der Hauptgrund war. 
Eigentlich würde ich jedem konventionellen Bauern oder jedem Schweinezüchter, der seine Tiere nicht mit Weidegang hält, dieses Buch in die Hand drücken und sagen:“Hier lies das, es gibt keine Entschuldigung oder Ausrede mehr, die Schweine unter deiner schweineunwürdigen Haltungsbedingungen dahinsiechen zu lassen. Es geht auch anders.“

Grundsätzlich ist dieses Buch jedem zu empfehlen.

Dürfen Schweine glücklich sein? Wie ein Biobauer die Schweinebranche auf den Kopf stellt

Autor(in): Norbert Hackl
Verlag: Leykam Verlag; Auflage: 1. (17. September 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3701180954
ISBN-13: 978-3701180950

Gebundene Ausgabe: 214 Seiten

Preis: 24,90 €

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