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03.01.2012 15.10 | Rega | Für eine namenlose Maus
Gestern war ich auf dem Weg zum Zahnarzt in der Kölner Innenstadt. In einer Fußgängerpassage guckten zwei Menschen auffällig auf den Boden und gingen dann weiter, ich schaute auch, da lief eine winzig kleine Maus. Mal schauen, wo sie hier in all dem Beton wohl ihr Schlupfloch hat? Aber je länger ich sie beobachtete umso klarer wurde, daß sie völlig planlos und verängstigt hin- und herlief, immer wieder die Passage überquerend zwischen all den Füßen die sie mehrfach um Haaresbreite verfehlten. Und sie bewegte sich viel zu langsam für eine Maus, schon total erschöpft. Ich konnte nicht einfach weitergehen und sie dem sicheren Tod überlassen. Also überlegte ich ob ich ihr irgendwie helfen kann.

Ich hatte nix dabei außer Geld und Zigaretten, fragte zwei Passanten ob sie vielleicht irgendetwas mit nem Karton gekauft hätten, ne Umverpackung oder so, diese Lösung gab ich aber nach deren entgeisterten Reaktionen gleich wieder auf. Also mit eigenen Mitteln zumindest versuchen:

Ich kippte meine Zigarettenschachtel in meine Jackentasche leer, hielt der Maus die offene Schachtel in ihre aktuelle Laufrichtung und kam mir dabei ziemlich bescheuert vor, ich mein, wer versucht schon eine Maus mit einer Zigarettenschachtel zu fangen? Wie erwartet flüchtete sie gleich in die andere Richtung. Aber beim zweiten Versuch, das glaubt mir später keiner, zögerte sie einen Bruchteil von einer Sekunde und sprang dann gezielt direkt in die Schachtel!

Klappe zu und direkt zum Zahnarzt.
"Hallo, ich hab um zehn vor den Termin und hätten sie vielleicht einen etwas größeren Karton, ich hab hier ne Maus in der Zigarettenschachtel." Ungläubige Blicke auf die Schachtel in meiner Hand. Ich erklärte nochmal in Kurzfassung, wie die Maus da reingekommen war. Eine der drei jungen Damen am Tresen begann etwas hysterisch zu schreien: "Gehen Sie damit weg, gehen sie weg, wenn die rausspringt! Die anderen zwei waren auch etwas in Aufregung, ich beruhigte: "Die springt nicht, die ist total fertig und nur froh daß es dunkel und warm ist." Also, ich sollte dann vor der Tür warten und man brächte mir einen Karton. Das geschah auch so, ich legte die Zigarettenschachtel mit abgerissener Klappe in den größeren Karton und mußte den dann während meiner Zahnbehandlung im Treppenhaus stehen lassen. (Mit der leisen Befürchtung, wenn ich rauskomme ist da schon das Bombemräumkommando wegen einem herrenlosen Karton ;-)

Anschließend mit dem Karton ins Auto und zurück an den Rhein. Dort wollte ich sie eigentlich aussetzen, überlegte aber dann, fertig wie sie ist, hat sie zwischen all den Möwen und abendspazierengehenden Hunden überhaupt keine Chance, ich nehme sie besser erstmal mit an Bord wo sie sich im Warmen ausruhen und vollfressen kann bevor ich sie irgendwo im Grünen wieder freilasse.

In unserer momentan unbewohnten, aber geheizten Vorwohnung steht ein altes Aquarium, das polsterte ich schnell mit WC-Papier (ich hatte vor ca. 20 Jahren mal ne zahme Maus, die liebte das zum Nestbaun), dazu einen kleinen Karton mit Eingang als Schlafhöhle, ein bischen Brotkrümel, Gemüse und Wasser. Als ich die Maus da reinsetzte war sie schon so apatisch, daß sie nicht mehr versuchte wegzulaufen, sie setzte sich nur wieder hin nachdem sie aus dem Karton gerollt war und schaute mich mit großen schwarzen Augen an. Ich legte ihr ein Brotstück direkt vor die Nase, da zuckte das Näschen doch ein bischen, immerhin. Aber meine Hoffnung daß sie die Nacht überlebt war schon sehr gesunken. Erst jetzt konnte ich richtig sehen, wie extrem winzig sie war, entweder noch sehr jung oder eine speziale Rasse oder beides...
Naja, das einzige was ich nun noch tun konnte war sie möglichst in Ruhe lassen.

Zwei Stunden später wollte ich doch noch einmal unauffällig schauen wie es ihr geht. Da war sie verstorben. Ich gab ihr ein Seemansgrab im Rhein.

Ich kannte sie nur ein paar Stunden, aber es macht mich traurig wenn so ein winziges Wesen so gekämpft und sogar eine Zigarettenschachtel mit Menschenhand als Rettung angenommen hat dann doch sterben muß obwohl es eigentlich in Sicherheit ist. Mein Mann sagt, immerhin hat sie ihre letzten Stunden nicht mehr in Panik auf dem kalten Beton verbringen müssen, ich weiß nicht ob sie das auch so gesehen hat, aber den Versuch war es denk ich trotzdem wert.

Euch schreibe ich hier die Geschichte auf weil sie mich bewegt und damit vielleicht der eine oder andere einen lieben Gedanken an eine winzige namenlose Maus sendet, die in einer mäuseunfreundlichen Welt alles versucht und es doch nicht geschafft hat.

03.01.2012 15.34 | BiancaD |
Hallo ihr Lieben

Ich find die Geschichte sooo toll wenn auch mit traurigem Ausgang ...aber Du hast geholfen und das find ich einfach super und ich bin mir sicher das Mäuschen hat es auch so gesehen =)

03.01.2012 17.31 | Sabine |
Moin Rega

Schön mal wieder von dir zu lesen. :up:

Das hat richtig gut getan, auch wenn der Ausklang tragisch war.

Das errinnert mich an eine Werbung, ich glaube sogar für einen Brillenhersteller.
Ein kleiner Junge rettet einen Regenwurm, der in strömendem Regen auf dem Pflaster vor menschlichen Füssen die Flucht sucht, indem er ihn auf eine Wiese bringt.
Dann kommt der Satz: "mit dem Herzen sieht man besser".

Es sind die Kleinigkeiten, die die Welt schöner machen. Für alle. ;)

03.01.2012 19.47 | sheitan |
Hallo Rega,

Deine Geschichte hat mich auch sehr bewegt. Wie schön, dass Du versucht hast, die kleine Maus zu retten. Sie hat gewusst, dass Du ihr helfen willst, ich finde das total nett von Dir.
Schade, dass sie es nicht geschafft hat, aber Du hast ihr wenigstens die letzten Stunden schön gemacht.

Danke liebe Rega, im Namen des Mäuschens.

LG Helga

03.01.2012 20.47 | Tanja F. |
So musste die kleine Maus jedenfalls nicht in der kalten Welt sterben.Sondern durfe es in Geborgenheit tun.
Danke Rega :love:

03.01.2012 21.14 | Migi |
Wenn es mehr menschen wie dich gäbe hätte sie es vielleicht geschafft....denn bestimmt wurde sie auch schon vorher von Menschen gesehn, denen ihr Schicksal leider egal war.
Ich finde deinen Einsatz toll! Und ich finde den Mut der kleinen Maus bewunderndswert.
Ich wünsche der kleinen Süssen ein wunderschönes Leben hinter der Regenbogenbrücke ohne Menschen, Beton, Autos und Hektik ....nur Wiese und Erde und Essen satt. :)

03.01.2012 21.31 | Barbara |
Eine berührende Geschichte, klein aber fein. Ob es Maus, ein anderes Tier, Mensch oder Natur ist, es geht um die Achtsamkeit. Achtsam, respektvoll und empathisch durchs Leben gehen, wie schön. :up: Danke Rega, lg, Barbara

04.01.2012 12.32 | Curly5 |
Eine ganz besondere und schöne Geschichte.
Ich kenn solche Geschichten all zu gut aus meiner eigenen Erfahrung und ich kann nur immer wieder betonen: Bei mir hat auch jedes Lebewesen ein Recht auf Hilfe, wenn es in Not ist und du hast an diesem tag sicherlich den einen oder anderen Mitmenschen mit deinem Mut beschämt. Manche Leute schämen sich jetzt sicherlich, nicht diesen Mut gehabt zu haben und beim nächsten mal helfen sie vielleicht sogar...

Jenen Menschen die solche Aktionen verachten kann auch ich nur Verachtung schenken...

Lass dich nur nicht beirren! :respekt:

04.01.2012 19.13 | Martina und Helena |
Hallo,

ich kann mich nur meinen Vorgängern anschließen, was sie geschrieben haben.

Ich finde Deinen Einsatz super gut.

Danke, dass Du uns hier daran teilhaben lässt.

LG, Martina

04.01.2012 21.34 | Schlormel |
Die Geschichte hat mich auch sehr berührt....
Auch, wenn das kleine, süße Mäuschen dann doch leider so schnell über die Regenbogenbrücke getrippelt ist, so hatte es doch zuvor ein Zuhause, Schutz, Wärme und Fürsorge gefunden....
Vielleicht hatte sie nur darauf gewartet...
Ich finde es ganz toll, was Du gemacht hast, Rega..
Danke dafür !!!
So ein kleines Wesen mit seinem wertvollen Leben....

Wir schicken dem Mäuschen ganz liebe Gedanken hinterher....!!!

LG v. Schlormel u. Co.


<<"........Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit.« (Mahatma Gandhi)

04.01.2012 22.58 | Petra1 |
oh ja es ist sehr schön geschrieben und trifft ins Herz.
Ich verstehe auch nicht wie Menschen da so achtlos vorübergehen können.
Gut dass du da warst. :up:

08.01.2012 15.30 | Rega |
Danke, ihr Lieben!

Sabine, mit der Regenwurmwerbung erinnertest du mich an ein Drama meiner Kindheit - da hatten meine Eltern im Garten so gelbe Steinplatten, die von dem kleinsten bischen Sonne sofort trocken und warm wurden. Toll für nackte Menschenfüße, aber ne Katastrophe nach jedem sonnengefolgten Regen für die noch darüberkrabbelnden Regenwürmer. So hab ich als Kleinkind massenweise alle Regenwürmer die wenigstens noch ein bischen bewegten zurück ins Gras getragen und über die ausgetrockneten geweint, die meine Mutter dann wegfegte, wieder und wieder und wieder. In der Punk-Pubertät hab ich mir dann zwei Regenwürmer auf den Fuß tätowiert: Freiheit und Leben für alle!

Vielleicht wäre ich ohne diese Regenwürmer ein ganz anderer Mensch geworden...

Noch ein Gedanke brachte mich zum lächeln:
Als ich erst so ratlos war, wie ich sie fangen sollte, dachte ich "Gehe nie wieder ohne Karton aus dem Haus".
Aber es ist das gleiche Gefühl, mit einer Maus in einer Zigarettenschachtel zum Zahnarzt zu laufen wie mit einem Schwein in einem Transporter der im Autokran vom Schiff hängt. So wäre die logische Schlußfolgerung, fahre nie wieder ohne Anhänger und Kran rum und das ist im Stadtverkehr doch ein bischen unpraktikabel.
In dem Moment war ich dankbar, daß ich Raucher bin :floet:

08.01.2012 16.12 | Franziska |
Was für eine schöne Geschichte, auch wenn das Mäuslein nicht überlebt hat. :(
Vielen Dank, Rega!

Du hast geschrieben, dass sie winzig klein war, deshalb überlege ich mir gerade, ob es evtl. eine Spitzmaus war. Dann hätte sie allerdings mit Brot und Gemüse nicht viel anfangen können.

Häufig fangen Katzen die Spitzmäuse, spielen mit ihnen und "plagen" sie so lange, bis sie an Erschöpfung sterben, denn die Spitzmäuse sondern einen ekligen Gestank ab zur Abwehr (wir riechen das nicht). Somit beissen die Katzen gar nicht zu, sondern spielen nur mit ihnen.
Ich habe als Kind viele Spitzmäuse gerettet vor meinen Katzen (andere Mäuse natürlich auch). Noch heute horche ich sofort alarmiert auf, sobald irgendwo das hohe Zwitschern von Spitzmäusen ertönt (leider selten geworden unterdessen...).

Es ist zwar wirklich sehr seltsam, dass sie dort mitten in der Fussgängerzone umherirrte, aber wenn sie eine Katze dorthin verschleppt hatte?
Wir werden es nie herausfinden, aber schön, dass Du ihr die letzten Lebensstunden noch erleichtert hast, indem sie in Ruhe sterben konnte.

08.01.2012 18.35 | Daan V. |
Hallo Rega.
Eine sehr schöne Tierethik-Geschichte. Danke. :]
lG Daan

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